Neue Wege in deiner zweiten Lebenshälfte
Petra Borchardt

Wünsche & neue Wege

Jetzt darfst du wieder mehr an dich denken

Warum viele Frauen ab 55 erst wieder lernen dürfen, sich selbst wichtig zu nehmen – und weshalb Selbstfürsorge nichts mit Egoismus zu tun hat.

Du darfst dich selbst wertschätzen – Selbstfürsorge für Frauen ab 55

Wenn ich mit Frauen in meinem Alter spreche, fällt mir immer wieder etwas auf: Viele von uns haben einen großen Teil ihres Lebens damit verbracht, für andere Menschen da zu sein. Für die Kinder, den Partner, die Familie, den Beruf oder die eigenen Eltern. Vielleicht auch für Freundinnen, Nachbarn oder Menschen, die gerade Unterstützung brauchten. Wir haben organisiert, geholfen, Verantwortung übernommen und häufig dafür gesorgt, dass im Alltag alles irgendwie funktioniert.

Vieles davon haben wir gern getan, und das möchte ich ausdrücklich sagen. Es geht nicht darum, unser bisheriges Leben im Nachhinein kleinzureden oder so zu tun, als wären all diese Aufgaben nur eine Belastung gewesen. Viele Entscheidungen waren Ausdruck von Liebe, Fürsorge und Verantwortungsgefühl. Wir haben Menschen begleitet, schöne Erfahrungen gesammelt und wahrscheinlich auch selbst viel dabei gelernt.

Trotzdem kann ein Leben, in dem wir uns über viele Jahre hauptsächlich um andere kümmern, Spuren hinterlassen. Während wir dafür sorgen, dass es den Menschen um uns herum gut geht, geraten unsere eigenen Bedürfnisse manchmal ganz unbemerkt in den Hintergrund. Nicht von heute auf morgen und meistens auch nicht bewusst. Es geschieht langsam, weil immer wieder etwas anderes wichtiger erscheint.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du weißt genau, wann jemand einen Arzttermin hat, wer Unterstützung braucht oder an welchen Geburtstag du unbedingt denken musst. Du organisierst, erinnerst, tröstest, erledigst Aufgaben und versuchst, für möglichst viele Menschen da zu sein. Aber wann hast du dir zuletzt dieselbe Aufmerksamkeit geschenkt?

Vielleicht gab es auch in deinem Leben Tage, an denen du abends erschöpft ins Bett gefallen bist und das Gefühl hattest, den ganzen Tag beschäftigt gewesen zu sein. Du hattest gearbeitet, geplant, gekocht, geholfen oder einfach nur funktioniert. Und wenn dich jemand gefragt hätte, was du an diesem Tag eigentlich für dich selbst getan hast, wäre dir möglicherweise gar nichts eingefallen.

Mir ging es jedenfalls oft so. Und ich glaube, dass viele Frauen verstehen, was ich damit meine.

Manchmal verlieren wir uns nicht plötzlich. Manchmal verlieren wir uns ganz leise zwischen all den Dingen, die getan werden müssen.

Wenn das eigene Leben lange im Hintergrund steht

Viele Frauen ab 55 oder 60 kennen dieses Gefühl sehr gut. Sie haben über Jahrzehnte Verantwortung getragen, Menschen begleitet und den Alltag organisiert. Oft waren sie diejenigen, auf die sich alle verlassen konnten. Die Starke, die Verlässliche, die Frau, die immer alles im Blick hatte und selbst dann noch eine Lösung fand, wenn andere längst nicht mehr weiterwussten.

Das ist zweifellos eine Stärke, auf die wir auch stolz sein dürfen. Aber manchmal gewöhnen wir uns so sehr an diese Rolle, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse kaum noch wahrnehmen. Wir fragen zuerst, was andere brauchen, und erst sehr viel später, ob wir selbst vielleicht auch etwas benötigen.

Vielleicht merken wir erst dann, wie selbstverständlich dieses Verhalten geworden ist, wenn sich unser Leben verändert. Die Kinder sind erwachsen und brauchen uns nicht mehr auf dieselbe Weise. Der Beruf nimmt vielleicht weniger Raum ein oder wir beginnen, unsere bisherigen Aufgaben infrage zu stellen. Plötzlich entsteht eine Frage, für die lange kaum Platz war: Was ist eigentlich mit mir?

Ich glaube, dass diese Frage zunächst sogar verunsichern kann. Wer über viele Jahre vor allem für andere da war, empfindet es möglicherweise als ungewohnt, die eigenen Wünsche wieder ernst zu nehmen. Vielleicht fühlt es sich sogar ein wenig egoistisch an, sich selbst in den Mittelpunkt der eigenen Gedanken zu stellen.

Dabei geht es überhaupt nicht darum, plötzlich nur noch an sich selbst zu denken. Es geht vielmehr darum, anzuerkennen, dass auch wir Menschen mit eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen sind. Dass unser Wohlbefinden nicht weniger wichtig ist als das der Menschen, um die wir uns kümmern.

Vielleicht ist gerade die zweite Lebenshälfte eine gute Gelegenheit, diesen Gedanken wieder stärker in unser Leben zu lassen. Nicht, weil plötzlich alle Verpflichtungen verschwinden, sondern weil wir bewusster entscheiden dürfen, welchen Platz wir selbst in unserem Alltag einnehmen möchten.

Wenn plötzlich wieder Raum entsteht

Irgendwann verändern sich unsere Lebensumstände. Die Kinder gehen ihre eigenen Wege, manche Verpflichtungen werden weniger und vielleicht ist der Alltag nicht mehr ganz so ausgefüllt wie früher. Es entstehen freie Stunden, die lange Zeit undenkbar gewesen wären. Vielleicht gibt es sogar ganze Nachmittage, an denen niemand etwas von uns erwartet.

Eigentlich könnte das ein wunderbares Gefühl sein. Schließlich haben wir uns vielleicht über Jahre hinweg danach gesehnt, einmal mehr Zeit für uns selbst zu haben. Doch wenn dieser Moment tatsächlich kommt, ist er manchmal ganz anders, als wir ihn uns vorgestellt haben.

Denn mehr Zeit bedeutet nicht automatisch, dass wir sofort wissen, was wir damit anfangen möchten. Wer lange daran gewöhnt war, den Alltag nach den Bedürfnissen anderer Menschen auszurichten, muss vielleicht erst wieder lernen, eigene Wünsche wahrzunehmen. Manchmal ist die neu gewonnene Freiheit deshalb nicht nur schön, sondern auch ein wenig ungewohnt.

Claudia erzählte mir einmal von genau so einem Nachmittag. Sie saß auf ihrer Terrasse, die Sonne schien und zum ersten Mal seit langer Zeit gab es nichts, was unbedingt erledigt werden musste. Kein dringender Termin, keine Aufgabe, die sofort ihre Aufmerksamkeit verlangte, und niemand, der etwas von ihr wollte.

Eigentlich hatte sie sich immer auf solche Momente gefreut. Sie hatte oft davon gesprochen, wie schön es wäre, endlich einmal mehr Zeit für sich selbst zu haben. Doch nun saß sie da und wusste plötzlich gar nicht, was sie mit dieser freien Zeit anfangen sollte.

Ich musste lächeln, als sie mir davon erzählte. Nicht, weil ich ihre Unsicherheit lustig fand, sondern weil ich glaube, dass viele Frauen dieses Gefühl kennen. Nach einem Leben voller Aufgaben und Verpflichtungen steht man plötzlich vor neuen Möglichkeiten und merkt, dass man sich selbst vielleicht erst wieder ein wenig kennenlernen muss.

Vielleicht ist genau das ein wichtiger Teil dieser Lebensphase. Wir dürfen herausfinden, was uns heute Freude macht, welche Interessen wir haben und wie wir unsere Zeit gestalten möchten. Nicht mehr ausschließlich danach, was andere von uns erwarten, sondern auch danach, was uns selbst guttut.

Mehr Zeit ist ein Geschenk. Aber manchmal müssen wir erst wieder lernen, uns selbst darin einen Platz zu geben.

Selbstfürsorge ist kein Egoismus

Ich glaube, dass genau an dieser Stelle für viele Frauen ein innerer Konflikt beginnt. Einerseits spüren sie, dass sie wieder mehr an sich denken möchten. Andererseits meldet sich schnell die vertraute Stimme, die fragt, ob das nicht egoistisch sei. Darf ich wirklich etwas nur für mich tun, wenn andere Menschen vielleicht ebenfalls meine Unterstützung gebrauchen könnten?

Vielleicht kennst du solche Gedanken. Du möchtest einen Nachmittag ganz für dich haben, aber eigentlich gäbe es noch so vieles zu erledigen. Du würdest gern einen Kurs besuchen, ein neues Hobby ausprobieren oder einfach einmal in Ruhe ein Buch lesen. Doch kaum hast du dir etwas vorgenommen, überlegst du schon, ob du diese Zeit nicht sinnvoller für andere nutzen solltest.

Ich finde, dass wir uns von diesem schlechten Gewissen ein Stück weit verabschieden dürfen. Selbstfürsorge bedeutet nicht, dass uns andere Menschen plötzlich gleichgültig sind. Sie bedeutet auch nicht, dass wir nur noch unsere eigenen Interessen verfolgen oder sämtliche Verpflichtungen hinter uns lassen.

Selbstfürsorge bedeutet vielmehr, dass wir in unserem eigenen Leben wieder vorkommen. Dass wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen und anerkennen, dass auch unsere Kraft und unsere Zeit begrenzt sind. Wir dürfen uns um andere kümmern und gleichzeitig darauf achten, dass wir uns dabei nicht selbst verlieren.

Gerade beim Thema Gesundheit finde ich diesen Gedanken besonders wichtig. Wir sprechen häufig darüber, wie wir uns ernähren sollten, wie viel Bewegung gut für uns ist oder welche Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll sind. Aber unser Wohlbefinden hängt auch davon ab, wie wir mit uns selbst umgehen.

Gönnen wir uns ausreichend Erholung? Können wir Nein sagen, wenn uns etwas zu viel wird? Nehmen wir unsere eigenen Wünsche ernst oder versuchen wir ständig, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen? Vielleicht sollten wir uns solche Fragen genauso regelmäßig stellen wie die Frage, ob wir uns ausreichend bewegen.

Ich glaube, dass ein liebevoller Umgang mit uns selbst ein wichtiger Bestandteil eines gesunden und erfüllten Lebens ist. Wir müssen uns nicht erst völlig erschöpfen, bevor wir uns eine Pause erlauben. Und wir müssen auch nicht darauf warten, dass irgendwann alle anderen versorgt sind, bevor wir etwas für unser eigenes Wohlbefinden tun.

Selbstfürsorge bedeutet nicht, weniger für andere da zu sein. Sie bedeutet, sich selbst dabei nicht zu vergessen.

Was möchtest du eigentlich?

Eine Frage erscheint mir in der zweiten Lebenshälfte besonders wichtig: Was möchte ich eigentlich? Sie klingt zunächst ganz einfach, aber manchmal ist sie erstaunlich schwer zu beantworten. Schließlich haben viele von uns über Jahre hinweg vor allem darüber nachgedacht, was getan werden muss und welche Erwartungen andere Menschen an uns haben.

Vielleicht fällt es deshalb nicht leicht, plötzlich nach den eigenen Wünschen zu fragen. Wir überlegen sofort, ob etwas vernünftig ist, ob wir uns das leisten können oder was andere Menschen dazu sagen würden. Noch bevor wir uns erlauben, einen Wunsch wirklich wahrzunehmen, haben wir häufig schon mehrere Gründe gefunden, warum er sich wahrscheinlich nicht verwirklichen lässt.

Dabei müssen unsere Wünsche überhaupt nicht groß oder außergewöhnlich sein. Vielleicht möchtest du wieder häufiger spazieren gehen, ein Buch lesen oder etwas Neues lernen. Vielleicht gibt es ein Hobby, das du früher geliebt hast und das irgendwann im Alltag verloren gegangen ist. Oder du möchtest endlich wieder mehr Zeit mit einer Freundin verbringen.

Vielleicht geht es dir aber auch um etwas ganz anderes. Du möchtest deine Tage weniger vollpacken, häufiger Nein sagen oder dich nicht mehr für alles verantwortlich fühlen. Vielleicht wünschst du dir einfach mehr Ruhe und die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie du deine Zeit verbringen möchtest.

Ich glaube, dass wir solche Wünsche nicht unterschätzen sollten. Sie müssen nicht das ganze Leben verändern, um wichtig zu sein. Manchmal beginnt ein leichteres Leben gerade damit, dass wir uns erlauben, kleine Dinge wieder ernst zu nehmen.

Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb nicht, was wir unbedingt noch erreichen müssen. Vielleicht dürfen wir uns vielmehr fragen, was uns Freude macht und wodurch wir uns wieder lebendiger fühlen.

Die zweite Lebenshälfte als Zeit des Wiederfindens

Ich glaube, dass die zweite Lebenshälfte nicht nur eine Zeit des Loslassens ist. Sie kann auch eine Zeit sein, in der wir Dinge wiederfinden, die im Laufe der Jahre in den Hintergrund geraten sind. Vielleicht entdecken wir alte Interessen neu, erinnern uns an frühere Träume oder stellen fest, dass wir heute ganz andere Wünsche haben als noch vor zwanzig Jahren.

Das muss nicht bedeuten, dass wir unser bisheriges Leben vollständig verändern möchten. Vielleicht sind wir mit vielen Dingen zufrieden und möchten lediglich etwas mehr Raum für uns selbst schaffen. Vielleicht spüren wir aber auch, dass bestimmte Gewohnheiten nicht mehr zu uns passen und wir bereit sind, neue Wege auszuprobieren.

Ich finde, dass wir uns dafür nicht rechtfertigen müssen. Wir dürfen uns weiterentwickeln, unabhängig davon, wie alt wir sind. Und wir dürfen unsere Vorstellungen vom Leben verändern, selbst wenn andere Menschen uns schon seit vielen Jahren in einer bestimmten Rolle kennen.

Vielleicht entdecken wir dabei Seiten an uns, die lange keinen Platz hatten. Wir werden wieder neugierig, probieren etwas Neues aus oder stellen fest, dass wir uns heute Dinge zutrauen, die früher undenkbar gewesen wären. Manchmal sind es nur kleine Veränderungen, die uns zeigen, dass noch vieles möglich ist.

Ich glaube, dass gerade darin eine besondere Freiheit liegt. Wir müssen nicht mehr alles so machen, wie wir es immer gemacht haben. Wir dürfen uns fragen, welche Gewohnheiten wir beibehalten möchten und welche vielleicht nicht mehr zu unserem heutigen Leben passen.

Die zweite Lebenshälfte muss deshalb nicht kleiner oder weniger interessant werden. Sie darf bewusster werden, vielleicht auch freier und ehrlicher. Denn wir haben inzwischen viele Erfahrungen gesammelt und wissen häufig besser, welche Dinge uns wirklich wichtig sind.

Vielleicht ist jetzt die Zeit, nicht nur zu funktionieren, sondern wieder zu spüren, was dir selbst wichtig ist.

Du darfst jetzt wieder mehr an dich denken

Vielleicht klingt dieser Satz zunächst ungewohnt: Du darfst wieder mehr an dich denken. Nicht irgendwann, wenn alle Aufgaben erledigt sind oder niemand mehr etwas von dir braucht. Nicht erst, wenn du dir eine Pause oder einen schönen Nachmittag besonders verdient hast. Sondern auch heute, mitten in deinem ganz normalen Leben.

Du darfst dich fragen, was dir Freude macht und welche Menschen dir guttun. Du darfst überlegen, was du noch lernen, erleben oder verändern möchtest. Und du darfst auch erkennen, dass manche Aufgaben, die du über viele Jahre ganz selbstverständlich übernommen hast, vielleicht nicht mehr allein deine Verantwortung sein müssen.

Dafür musst du nicht dein ganzes Leben umwerfen oder plötzlich ein völlig anderer Mensch werden. Vielleicht reicht es zunächst, dich selbst wieder etwas bewusster wahrzunehmen und deinen Bedürfnissen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Kleine Veränderungen können dabei genauso wertvoll sein wie große Entscheidungen.

Ich wünsche mir, dass wir Frauen in der zweiten Lebenshälfte nicht ständig das Gefühl haben, für alles und jeden verantwortlich sein zu müssen. Wir haben über viele Jahre hinweg viel geleistet, und vieles davon tun wir auch heute noch mit Freude. Aber wir dürfen anerkennen, dass unser eigenes Leben ebenfalls Aufmerksamkeit verdient.

Vielleicht ist genau jetzt die Zeit, der Frau in dir wieder zuzuhören, die früher neugierig war, Träume hatte und Pläne für ihre Zukunft gemacht hat. Sie ist nicht verschwunden, nur weil du älter geworden bist oder lange andere Dinge im Mittelpunkt standen.

Vielleicht hat sie einfach darauf gewartet, dass du dir wieder etwas mehr Zeit für sie nimmst.

Leichter leben ab 55 beginnt manchmal genau dort: bei der Erlaubnis, selbst wieder wichtig zu sein.